Zu den beliebtesten Erzählungen über Juden gehört der Glaube an ihren Einfluss: nicht öffentlich, versteht sich, sondern klandestin ziehen sie Strippen in der Hochfinanz, den Medien und dem ganzen Rest dazwischen. „Juden haben zu viel Macht“ gehört zu den immergrünen Hits des Antisemitismus.
Vor kurzem stellte die Interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung(IKG)der Universität Bielefeld fest, wie unverwüstlich in Deutschland das Narrativ vom Juden funktioniert,der überall dahintersteckt: “23 Prozent – also fast ein Viertel – der älteren Deutschen ab 60 Jahren, meint, ‚Juden haben zu viel Einfluss in Deutschland. Bei den Jüngeren bis 30 Jahren ist die Zahl mit knapp zehn Prozent zwar deutlich geringer. ‚Sie bleibt aber seit Jahren beinahe auf einem ähnlichen Stand. Wir scheinen uns damit abgefunden zu haben’, erklärt Beate Küpper vom IKG.“
Juden haben zu viel Einfluss – das ist freilich eine grobgestrickte Formulierung, die der „Süddeutschen“ so nie unterlaufen würde. Am 3. Februar schrieb das Münchner Blatt anlässlich des Netanjahu-Besuchs in den USA über die Aipac, das „American Israel Public Affairs Comittee“, in dem sich seit 1953 amerikanische Israel-Unterstützer organisieren: „Aipac gilt als eine der einflussreichsten Lobbygruppen in Washington, die Organisation vertritt zwar keine große Wählergruppe, verfügt aber über ein großes Spendernetzwerk, das etlichen Politikern im Wahlkampf helfen soll. Kritiker werfen Aipac vor, einen unverhältnismäßigen Einfluss auf Washington auszuüben, gemessen am geringen jüdischen Bevölkerungsanteil in den USA.“
Daraus geht nach Ansicht des Münchner Volksaufklärungsorgans zweierlei hervor: Juden haben – siehe oben – zu viel Einfluss. Und die Unterstützung Israels kann bestenfalls eine exklusiv jüdische Angelegenheit sein, die sich kein anderer freiwillig ans Bein binden sollte oder dürfte.
Was zu der Frage führt: wie groß darf der legitime Einfluss einer Gruppe auf die Politik eigentlich ausfallen? Der jüdische Bevölkerungsanteil in den USA beträgt ungefähr zwei Prozent. Der Vergleich zu einem ganz anderen Milieu in Deutschland ist deshalb nicht ohne Reiz: In der Solarindustrie zwischen Garmisch und Flensburg arbeiten etwa noch 5000 Beschäftigte. Im harten Kern der grünen Industrie, also in der Produktion von Energieerzeugungsanlagen, verdienen schätzungsweise 60 000 Menschen ihr Geld. Das Bundesumweltministerium, das auch noch jeden Solarpanelinstallateur und Dämmplattenschrauber und auch so exotische Grünjobber wie Windberater und Klimabeauftragte zu den Werktätigen der Energiewende zählt, meldete 2011 mit 382 000 Beschäftigten einen Höchststand. Seitdem geht deren Zahl kontinuierlich nach unten.
Wer großzügig noch alle Windparkeigentümer, verpachtenden Landwirte und Solarworld-Aktienbesitzer dazuzählt und aufrundet, der kommt auf einen Personenkreis von grob 800 000 Deutschen, die von der Energiewende profitieren oder zumindest auf Geldvermehrung hoffen. Das wären ein Prozent der Bevölkerung. Deren Lobby gelingt es immerhin, ein System am Laufen zu halten, dass ihr für unverlangt produzierten Ökostrom jährlich über 23 Milliarden Euro überweist, obwohl die Energie an der Börse nur ein Bruchteil wert ist, sie schafft es, hunderttausende Mieter durch eine unsinnige Dämmung abzukassieren, die gesamte Energiebranche eines Industrielandes nach ihrem Gusto umzubauen und sich Wohlfühlgesetze à la carte schreiben zu lassen. Die Zeit, die der Lobby neben dieser Titanenarbeit noch bleibt, vertreibt sie sich mit Klagen darüber, wie wenig man auf sie hört.
Besäße die Aipac nur halb so viel Einfluss wie die grünen Druckmacher in Deutschland, dann sähe die amerikanische Israel-Politik mit Sicherheit anders aus.